Ausstellung: MARIANNA SIMNETT – Headless im Max Ernst Museum Brühl
Kaum hat die Ausstellung ‹Headless› von Marianna Simnett im Max Ernst Museum Brühl begonnen, offenbart sich allzu schnell eine künstlerische Leerstelle; die ambitionierte multidisziplinäre Werkübersicht bleibt in ihrer Annäherung blass und unausgewogen, wo sie doch eine Hommage an Max Ernst versprach. Nichts vermittelt die Dichte surrealistischer Welten, die Ernst selbst dergestalt durchdrang: Stattdessen wirkt die kuratorische Konstruktion wie eine oberflächliche Collage aus Video, Skulptur, Malerei und KI-Elementen, in der bedeutende Positionen fragmentarisch nebeneinandergestellt werden, ohne wirkliche Vernetzung oder einen tragenden intellektuellen Kern. Die mangelnde Selbstreflexion des Ensembles lässt es in seiner Vielgestaltigkeit diffus und dekonstruktionsfrei erscheinen.
Der Versuch, mit KI-Arbeiten Reflexionen über das Menschliche, das Surreale oder das Verdrängte zu etablieren, bleibt glücklos. Die Rolle der Technologie, so zentral in der aktuellen Kunstdebatte, wird hier nicht verhandelt – die KI ist reines Ornament. Der Bezug zu Max Ernst bleibt auf Titelformelhaftigkeit reduziert, ohne Vermittlung eines dialektischen Gesprächs zwischen der historischen Avantgarde und der Gegenwart. Anstelle einer Annäherung an Ernsts eigenständige Bildlogik entsteht ein lose wartbares Gerüst, das weder inhaltlich noch formal Verdichtung zeigt.
In Analogie zur Kunstgeschichte ist diese Ausstellung nicht einmal surreal – sie verweilt in einer vagen Zwischenzone, die weder das Unbewusste noch das Fantastische ernst nimmt. Im Vergleich zu Ernsts ‹Une Semaine de Bonté› oder ‹La femme 100 têtes› fehlt jeglicher erzählerische Rhythmus, kein assoziatives Feld wird so weit geöffnet, dass Bilder in einem dichten Netzwerk von Traum und Witz aufeinander bezogen werden. Die Werke stehen statisch da, als isolierte Illustrationen eines unausgesprochenen Konzeptes, das nie konkretisiert oder durchdrungen wird.
Kuratierungsstrategisch wirkt vieles nach einem Sammelsurium: Die Auswahl der Medien mag multidisziplinär sein, doch die Sequenzierung, die Dramaturgie, das theatrale Element, das gerade bei der Inszenierung von Video und Skulptur so viel ausmachen könnte, fehlen völlig. Weder ein ästhetisches Spektakel noch eine kohärente theologische oder philosophische Linie lässt sich entdecken – der Besuch bleibt auf einer rein faktischen, fast deskriptiven Ebene. Das ist eine verpasste Chance, Surrealismus und Zeitgenossenschaft wirksam aufeinander prallen zu lassen.
Die räumliche Anlage der Schau suggeriert Bewegung – und doch bleibt sie statisch. Die Besucher*innen werden nicht eingesogen, nicht in einen poetischen Sog gezogen; sie wandern durch Räume, die konzeptuell fast wie Durchgangsräume gelesen werden können, ohne Bedingung oder Spannung. Es fehlt an Enigma, am Arkanen, an jener absurden Logik, die Ernsts Werk stets prägte. Die Ausstellung interessiert sich zu wenig dafür, was ein Bild in Bewegung sein kann, wie Wahrnehmung sich verschiebt und kippt. So verkommt sie zu einem geordneten Nebeneinander, in dem alles möglich ist – und doch nichts wirklich gedacht.
Die Intention, eine umfassende Werkübersicht zu bieten, fällt auseinander, weil es keinen roten Faden gibt, der durch die Medien führt. Es fehlt eine konzeptuelle Achse, ein präsentes Narrativ, das die Werkgruppen in Beziehung setzt, sei es formal, historisch oder poetologisch. Kunst wird nicht als Erkenntnismedium begriffen, sondern als dekorative Aneinanderreihung. Der intellektuelle Anspruch bleibt folgenlos: Es wird eher eine ästhetische Oberfläche präsentiert, als in die Tiefen zu tauchen, die Surrealismus vermöchte.
Kuratorische Entscheidungen erscheinen willkürlich: Warum diese Videoarbeit neben dieser Skulptur? Warum die KI-Arbeit an dieser Stelle? Begründungen fehlen, Kontrapunkte bleiben aus. Statt Sinnkonflikte, dynamischer Spannung oder einer klar erkennbaren Linie erhält der Besucher ‹Headless› als eine Vielzahl von Einzelteilen, die sich nicht aufeinander beziehen. Der Raum wird nicht zur Bühne, das Bild nicht zur Ideologie.
Max Ernst manifestierte in seinem Werk ein regelrechtes Bildtheater, in dem Automatismus, Traumsequenz und psychoanalytische Mythologie aufeinander trafen. Diese Ausstellung verfehlt nicht nur diesen historischen Anspruch, sie hat ihn nie gespürt. Der Bruch, den sie provozieren wollte, bleibt rhetorisch. Die Poetik der Absurdität bleibt abstrakt, emotional verhalten, intellektuell fad. So bleibt ‹Headless›: eine kühle, formell reduzierte Angelegenheit, deren Versuch, Surrealismus neu zu denken, ohne poetische Wucht und erkenntnistheoretische Substanz auskommt.
Verpasste Chance, zeigt wenig Realität – weder in der Geschichte noch in der modernen Bilderwelt. Die Leerstelle, die entsteht, ist produktiv – aber nur für jene, die erwarten, enttäuscht zu werden.
Und so bleibt ‹Headless› am Ende ein Exhibit ohne Herz, ein Experiment ohne Beobachter, eine Ausstellung, die in fast allem ideenarm und oberflächlich ist – wo Tiefenschärfe hätte sein können.

