Paula Scher – Type is Image

Paula Scher – Type is Image

Ausstellung: Paula Scher – Die Neue Sammlung, München

Die Ausstellung „Paula Scher – Type is Image“ in der Neuen Sammlung in München präsentiert die Arbeiten von Paula Scher, einer der bekanntesten Grafikdesignerinnen und Typografinnen unserer Zeit. Doch während die Ausstellung mit einem gewissen Anspruch auftritt, die Bedeutung von Typografie als eigenständiger Kunstform zu untersuchen, verfehlt sie dieses Ziel in vielerlei Hinsicht auf frappierende Weise. Die Schau ist ein Paradebeispiel für das, was die Kunstwelt oft falsch macht: eine oberflächliche Behandlung des Themas, die dem Betrachter lediglich die Hülle präsentiert, ohne ihm Zugang zur eigentlichen Essenz zu gewähren.

Die Komposition der Ausstellung, die sich auf großflächige Plakate und Buchcover konzentriert, mag auf den ersten Blick beeindruckend erscheinen – doch das täuscht. Die Arbeiten von Scher sind in Reih und Glied angeordnet, als versuchten sie ihre eigene Bedeutungslosigkeit durch schiere Anzahl zu übertünchen. Eine solche Präsentation erinnert an Andy Warhols serielle Produktionen, jedoch ohne deren subversiven Unterton. Wo Warhol den Massenkonsum kritisierte und zugleich feierte, bleibt Scher in einer unproduktiven Ambivalenz gefangen: Sie feiert Typografie als Kunst, ohne deren Grenzen wirklich auszuloten.

Die Farbgebung in Schers Arbeiten ist, gelinde gesagt, eine Achterbahnfahrt zwischen immerhin annehmbarer Sensibilität und völliger Belanglosigkeit. Sie verwendet kräftige und kontrastreiche Farben, die durchaus die Aufmerksamkeit des Betrachters auf sich ziehen – aber das ist auch die einzige Leistung, die sie vollbringen. Die Farben sind grell und fordernd, fast wie ein verzweifelter Schrei Aufmerksamkeit zu erregen. Die Farbe als Mittel zur Sinngebung, zur Vermittlung von Emotionen oder als Element der narrativen Gestaltung wird hier sträflich missachtet. Vergleichen wir dies mit den Arbeiten von Mark Rothko, dessen Farbflächen eine meditative Tiefe besitzen, so bleibt Schers Ansatz flach und ohne Resonanz.

Die Symbolik, die Scher in ihren typografischen Arbeiten zu vermitteln sucht, bleibt letztlich ebenso oberflächlich wie der Rest der Ausstellung. Ja, Typografie kann als Bild fungieren, aber ohne eine tiefere konzeptionelle Schicht bleibt sie nur ein hübsches Dekor, nichts weiter. Man denke an die Arbeiten von El Lissitzky oder die Bauhaus-Meister, die Typografie als integralen Bestandteil ihrer formalen und inhaltlichen Visionen ansahen. Im Gegensatz dazu bleibt Schers Herangehensweise an Symbolik unverbindlich und harmlos, ohne jeglichen revolutionären Impetus.

Kunsthistorisch betrachtet, positioniert sich „Type is Image“ in einer langen Tradition von Künstlern, die Typografie als Kunstform begreifen, verliert jedoch im Vergleich zu ihren Vorbildern und Zeitgenossen. Wenn man Schers Arbeiten neben jene von Kurt Schwitters oder den Dadaisten stellt, wird die konzeptionelle Leere umso offensichtlicher. Diese Pioniere nutzten Typografie als subversives Werkzeug, um die Bedeutung von Sprache, Ausdruck und Kommunikation auf den Kopf zu stellen und neue Assoziationen zu schaffen. Scher hingegen bleibt in einer sicheren, markttauglichen Zone, die keine Risiken eingeht und somit keine neuen Erkenntnisse bietet.

Besonders enttäuschend ist die Art und Weise, wie die Ausstellung die Rolle der Typografie in der heutigen visuellen Kultur behandelt. In einer Zeit, in der die digitale Kommunikation die Art und Weise, wie wir Schrift und Bild wahrnehmen, radikal verändert hat, erscheint Schers Ansatz hoffnungslos veraltet. Während Künstler und Designer wie Erik Spiekermann oder Neville Brody die Grenzen der digitalen Typografie ausloten und neu definieren, bleibt Scher in einem analogen Paradigma stecken, als wolle sie die vergangene Ära der Plakatkunst mit allen Mitteln am Leben erhalten.

Das Urteil über diese Ausstellung fällt schwer, aber nicht, weil es an Klarheit mangelt. Vielmehr ist es erschütternd, dass eine Künstlerin von Schers Renommee mit solch banaler Banalität durchkommt. Die Neue Sammlung hätte die Gelegenheit gehabt, Typografie als dynamische und relevante Kunstform zu präsentieren, und sie stattdessen als nostalgisches Relikt inszeniert. Die Ausstellung ist eine vertane Chance, die die Grenzen der Typografie nicht durchbricht, sondern nur ihre Oberfläche zerkratzt.

Am Ende bleibt die Frage: Was erwartet man von einer Ausstellung, die Typografie als Kunstform untersucht? Provokation, Innovation, das Unerwartete? Doch was „Type is Image“ bietet, ist nur das Erwartbare, das Altbekannte, sicher eingeschweißt in den Konventionen dessen, was bereits vor Jahrzehnten erreicht wurde. Die Ausstellung hinterlässt keinen Eindruck, sie regt nicht zum Nachdenken an. Paula Schers Arbeiten sind nicht mehr als das Echo einer großen, aber längst vergangenen Debatte über die Rolle der Schrift in der Kunst. Ein Echo, das in den Hallen der Neuen Sammlung verhallt, ohne jemals wirklich gehört zu werden.

Offizielle Ausstellung

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