Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter

Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter

Ausstellung: Lenbachhaus – München

Das Lenbachhaus in München, eine Institution, die sich selbst als Bastion der Kunst versteht, wagt sich mit der Ausstellung „Über die Welt hinaus. Der Blaue Reiter“ auf vertrautes Terrain. Der Blaue Reiter, jene Künstlergruppe um Wassily Kandinsky, Franz Marc und Gabriele Münter, die nichts weniger als die spirituelle Erneuerung der Kunst anstrebte, wird hier wieder einmal als revolutionärer Impulsgeber inszeniert. Dabei erweist sich die Ausstellung, wie so oft in solchen retrospektiven Anläufen, als eine bloße Wiederholung altbekannter Narrative, die den Mythos mehr zementieren als hinterfragen.

Die Kompositionen, die uns in der Ausstellung begegnen, sind ohne Zweifel beeindruckend, doch die Kuratoren scheinen zu vergessen, dass Größe allein kein Garant für künstlerische Relevanz ist. Die Werke sind oft monumental, fast überladen, und doch spürt man die absichtsvolle Leere in der Anordnung. Kandinskys ikonische „Komposition VII“ ist ein Paradebeispiel für diese Schizophrenie. Die wilde, chaotische Anordnung der Farben und Formen suggeriert eine dynamische Bewegung, die sich jedoch in ihrer eigenen Unübersichtlichkeit verliert. Man könnte fast meinen, es handele sich um ein Feuerwerk der Farben, das mit maximalem Lärm über seine eigene Konzeptlosigkeit hinwegtäuschen will.

Die Farbgebung, die vom Blauen Reiter als Ausdruck des Inneren gepriesen wurde, wirkt hier oftmals wie ein bloßes dekoratives Element, das seiner eigentlichen Intention beraubt wurde. Franz Marcs „Die großen blauen Pferde“ etwa, scheint in seiner leuchtenden Farbigkeit mehr an ein kindliches Märchenbuch zu erinnern als an ein ernsthaftes Werk, das eine tiefere, metaphysische Bedeutung vermittelt. Die intensive Blautönung, die angeblich spirituelle Transzendenz darstellen soll, bleibt letztlich an der Oberfläche haften, ohne die versprochene Dimension tatsächlich zu eröffnen.

Symbolisch versucht die Ausstellung, den spirituellen Anspruch des Blauen Reiters zu betonen, doch bleibt sie dabei in einem vagen Esoterismus stecken. Die oft bemühte Idee der Synästhesie, der Verschmelzung von Klang und Farbe, wird beispielsweise in Kandinskys Arbeiten nur unzureichend dargestellt. Anstatt die von ihm postulierte innere Notwendigkeit der Kunst erfahrbar zu machen, wirken seine Werke in der Ausstellung wie eine Sammlung von Experimenten, die den philosophischen Überbau nur vage erahnen lassen.

Kunsthistorisch müsste man den Blauen Reiter als Vorläufer und Mitgestalter der Abstraktion würdigen, doch die Ausstellung verpasst die Chance, diese Entwicklung kritisch zu durchleuchten. Die oft beschworene Verbindung zur russischen Avantgarde oder der niederländischen De Stijl Bewegung bleibt ebenso unerwähnt wie die komplexen Interaktionen mit dem deutschen Expressionismus. Stattdessen begnügt man sich mit einer glorifizierenden Darstellung einer Künstlergruppe, die sicherlich bedeutend war, deren revolutionärer Anspruch aber im Rückblick oft übertrieben scheint.

Vergleichen wir Kandinskys „Komposition VII“ mit einem Meilenstein der Kunstgeschichte, wie etwa Pablo Picassos „Les Demoiselles d’Avignon“, zeigt sich deutlich, wie substanzlos die Werke des Blauen Reiters bleiben. Wo Picasso die Form dekonstruiert und neu zusammensetzt, um die Grenzen der Darstellung selbst zu hinterfragen, bleibt Kandinsky im Ungefähren, lässt die Form zerfließen, ohne ihr eine neue Struktur zu verleihen. Hier wird deutlich, dass der Blaue Reiter zwar ein bedeutendes Kapitel in der Geschichte der Malerei darstellt, jedoch bei weitem nicht die Erhabenheit erreicht, die ihm gerne nachgesagt wird.

Dieses Urteil mag hart erscheinen, doch es bleibt eine Notwendigkeit angesichts der heutzutage oft kritiklos gefeierten Ikonen der Kunstgeschichte. Die Ausstellung „Über die Welt hinaus“ im Lenbachhaus zeigt auf tragische Weise, wie selbst ein sich als progressiv verstehendes Museum den Diskurs über die eigene Sammlung stagnieren lässt. Es bleibt die Frage, ob der Blaue Reiter tatsächlich über die Welt hinausweist oder ob er nicht vielmehr in einer idealisierten Vergangenheit gefangen bleibt, die ihre eigene Vision nie vollständig zu realisieren vermochte.

Vielleicht ist es an der Zeit, das Narrativ des Blauen Reiters radikal zu überdenken und seine Werke nicht mehr als Heiligtümer eines vergangenen Zeitalters zu sehen, sondern als das, was sie sind: ein gescheiterter Versuch, die Kunst in den Bereich des Transzendenten zu heben. So bleibt die Ausstellung im Lenbachhaus ein Mahnmal für die verpassten Chancen der Kunstvermittlung, die sich mehr auf Vergangenes stützt, als die gegenwärtigen Möglichkeiten der Kunst zu erforschen.

Offizielle Ausstellung

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