Kinder als Fehlercode – „Figure of the Child“ im mumok Wien

Kinder als Fehlercode – „Figure of the Child“ im mumok Wien

Das mumok gibt Tolia Astakhishvili zwei Untergeschosse und nennt den Zustand Figure of the Child. Das ist bereits die richtige Temperatur: nicht der helle Erziehungsraum, nicht die betreute Kreativitätskrippe des Museums, sondern ein Abstieg in Architektur, Material, Abhängigkeit. Die Ausstellung läuft vom 20. Juni bis 1. November 2026, kuratiert von Fatima Hellberg und Manuela Ammer, und sie ist Astakhishvilis erste museale Einzelausstellung. Erste Male sind im Kunstbetrieb gewöhnlich mit Weihrauch des Karrieresystems verklebt. Hier riecht es eher nach Baufolie, ausgehobenen Rohren, Wanne, Duschwanne, Aluminium, Holz, Beton, gefundenen Dingen. Endlich eine Kindheit ohne Pastellpädagogik. Das Kind bekommt keine Bastelschere. Es bekommt ein statisches Problem.

Der Pressetext formuliert die „figure of the child“ als Wesen großer geistiger und gestalterischer Autonomie bei gleichzeitiger Abhängigkeit. Das klingt zunächst nach jener kuratorischen Fürsorgelyrik, mit der Institutionen ihre eigenen Stromrechnungen moralisch reinigen. Bei Astakhishvili wird daraus etwas Besseres: ein Maßstabsangriff. Werke wie Singing out of doors, 2026, aus Baumaterial, gewebtem Polypropylen, Aluminiumfolie, gefundenen Objekten und Licht, wachsen auf über zehn Meter Breite. my emptiness, 2025–26, kombiniert Baumaterial, ausgehobene Rohre, Badewanne, Duschwanne und Licht zu einer Art häuslichem Unfall, der zu groß geworden ist, um noch privat zu sein. Die Kunstgeschichte kennt das kleine Subjekt gern als Anlass für Rührung. Astakhishvili behandelt es nüchterner: als inkompatible Benutzeroberfläche in einem Gebäude, das immer schon für Erwachsene, Versicherungen und Sammlungslogistik programmiert wurde.

Deshalb ist der Vergleich mit den eigenen Vorgängern im Archiv nützlich. In meinen früheren Texten zu Kindheit am Nil blieb das Kind oft im didaktischen Aquarium stecken, als thematische Attrappe für eine Ausstellung, die ihre Sanftheit für Erkenntnis hielt. In Zwischenräume der Moderne war Raumdenken noch zu oft eine kultivierte Ausrede für Bedeutungsarmut. Astakhishvili zwingt beides zusammen und rettet damit zumindest vorübergehend den beschädigten Begriff der Rauminstallation. Der Raum erklärt hier nicht. Er drückt. Er vergrößert das Kind nicht zur Metapher, sondern verkleinert die Institution auf ihre elementare Peinlichkeit: ein Museum ist auch nur ein großer Erwachsener, der behauptet, niemand habe gesehen, wie er die Tür abgeschlossen hat.

Die Liste der Beteiligten und eingewobenen Positionen ist gefährlich lang: Vito Acconci, Günter Brus, James Ensor, Nan Goldin, Louise Lawler, Charlotte Moorman und Nam June Paik, Picasso, Charlotte Posenenske, Dieter Roth, Heimo Zobernig und viele andere. Solche Listen sind oft das kuratorische Äquivalent eines Kühlschranks nach der Messe: alles ist drin, nichts gehört zusammen, irgendwo stirbt ein Joghurt mit Doktortitel. Astakhishvili entkommt diesem Inventarzwang nur, weil sie Sammlung nicht als Prestige-Friedhof behandelt, sondern als Bestand an fremden Körpern im eigenen Aufbau. Hut 1, 2026, mit Arbeiten von Yaryna Fedoriv, Irma Gubeladze und Elene Chantladze, macht diesen Vorgang kleiner, fast provisorisch: eine Hütte, 184 mal 85 mal 165 Zentimeter, eher Unterschlupf als Monument. Zwischen dieser Hütte und den übergroßen Baukörpern entsteht der brauchbare Konflikt der Ausstellung. Kindheit ist hier kein Alter. Kindheit ist die Erfahrung, dass jedes System bereits läuft, bevor man die Nutzungsbedingungen lesen kann.

Das Schwache an der Ausstellung liegt genau dort, wo der Pressetext ihr zu helfen versucht. „Empathy“, „first encounter“, „openness“, „immediacy“: diese Wörter kommen aus dem warmen Teil der institutionellen Maschine, dort, wo Begriffe in kleine Decken eingewickelt werden, damit niemand merkt, dass sie längst tot sind. Astakhishvili braucht diese Vokabeln kaum. Ihre stärkeren Arbeiten interessieren sich nicht für Empathie, sondern für Zumutung. Sie zeigen nicht, wie Kinder wahrnehmen. Sie zeigen, wie Architektur versagt, sobald jemand ohne Macht in ihr auftaucht. Das ist präziser und unangenehmer. Empathie ist die Schokoladenglasur über dem Betonklotz; der Betonklotz war die bessere Idee.

Historisch steht diese Ausstellung weniger bei den romantischen Kindheitsbildern als bei den gebrochenen Innenräumen von Kurt Schwitters, bei Posenenskes industrieller Offenheit, bei Gordon Matta-Clarks chirurgischer Behandlung von Gebäuden. Nur dass Astakhishvili den Schnitt nicht heroisiert. Sie arbeitet nicht wie der Mann, der ein Haus aufschlitzt und sich anschließend für die Erfindung der Wunde feiern lässt. Sie lässt Konstruktionen wirken, als seien sie schon vorher verletzt gewesen. Das ist selten. Nicht großartig im triumphalen Sinn. Eher gut, weil es auf Triumph verzichtet.

Die Ausstellung ist am überzeugendsten, wenn sie das Kind als Störung der Erwachseneninfrastruktur begreift. Dann wird aus Abhängigkeit kein sentimentales Motiv, sondern eine technische Diagnose. Ein Neugeborenes ist, nüchtern betrachtet, ein Organismus ohne Adminrechte in einer feindlichen Architektur. Die menschliche Kultur nennt das Schutz. Die Kunst nennt es Subjektwerdung. Das Museum nennt es Vermittlung. Astakhishvili nennt es nicht aus. Sie baut daran herum, und das ist klüger.

Was bleibt, ist kein Plädoyer für kindliche Unschuld. Unschuld ist ohnehin nur die forensisch noch nicht ausgewertete Schuld der Erwachsenen. Figure of the Child zeigt eine Welt, in der Fürsorge und Gewalt dieselbe Tür benutzen, je nachdem, wer den Schlüssel trägt. Das mumok stellt diese Tür in zwei Untergeschosse. Dort unten wirkt das Museum für einen Moment nicht wie eine Autorität, sondern wie ein Möbelstück, das Angst hat, als Sperrmüll erkannt zu werden.


Ausstellung: Tolia Astakhishvili: Figure of the Child

Ort/Museum: mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, Wien

Laufzeit: 20. Juni bis 1. November 2026

Link: https://www.mumok.at/en/exhibitions/tolia-astakhishvili

Bildnachweis: Tolia Astakhishvili, Hut 1, 2026, with works by Yaryna Fedoriv, Irma Gubeladze, Elene Chantladze, 184 x 85 x 165 cm. Courtesy the artist, LC Queisser and Emalin. Photo: Tolia Astakhishvili Studio. Source: mumok press download area.

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