Die Belegschaft im Kopf – Anna Hulačovás „Abundantia“ in der SCHIRN Frankfurt

Drei graue Arbeiterinnenfiguren mit Wabeneinsätzen, Kuh, Milchkanne und blauem Schlauch in Anna Hulačovás After Bugonia.
Anna Hulačová, After Bugonia, 2025. © Anna Hulačová, courtesy of the artist and Hunt Kastner Prague, photo: Jakub Přecechtěl. Quelle: SCHIRN Kunsthalle Frankfurt, https://www.schirn.de/en/press/anna-hulacova/

Die Arbeiterin hat kein Gesicht. An dessen Stelle sitzt eine Wabe, ordentlich eingelassen in den grauen Kopf. Hände, Kittel, Gummistiefel sind vorhanden; für Individualität war offenbar kein Bauteil vorgesehen. Auf dem Pressefoto von Anna Hulačovás „After Bugonia“ stehen drei Frauenfiguren bei einer Kuh und einer Milchkanne. Ein blauer Schlauch verbindet die Arbeitsstationen. Die Wabe macht aus der Landarbeiterin kein freies Naturwesen. Sie liefert dem Betrieb eine neue Belegschaft.

„Abundantia“ heißt Hulačovás erste Einzelausstellung in Deutschland, die die SCHIRN in Frankfurt im Rahmen des tschechischen Gastlandauftritts zur Buchmesse zeigt. Der Titel verspricht Überfluss. Die interessante Frage lautet nicht, ob die Künstlerin genug davon darstellt. Sie lautet: Wer muss ihn herstellen? Meine These ist eine unangenehme Personalangelegenheit. Diese Ausstellung kritisiert die industrielle Verwertung weiblicher Arbeit und lässt zugleich Bienen jene Mehrarbeit verrichten, die den Skulpturen ihre ökologische Glaubwürdigkeit verschafft.

Der Ausstellungstext beschreibt das Verfahren ungewöhnlich deutlich. Hulačová setzt Werkstücke in einen leeren Bienenstock; die Tiere füllen vorgesehene Hohlräume mit Waben. Beton und Lindenholz geben den Rahmen, das Insektenvolk ergänzt die Form. Die SCHIRN nennt das „co-creations“. Das Wort verteilt Autorschaft großzügiger, als es Entscheidungsgewalt verteilt. Die Bienen können über Zellbau und Materialverbrauch verfügen. Den Ausstellungsort, den Titel und den Zeitpunkt der Entnahme legen sie nicht fest. Aus einer zweckmäßigen Tätigkeit des Tieres wird ein künstlerischer Beitrag, sobald der Mensch das Ergebnis abholt.

Das ist kein Einwand gegen jede Zusammenarbeit zwischen Arten. Es ist ein Einwand gegen die sprachliche Beförderung eines Produktionsverhältnisses zur Partnerschaft. In „After Bugonia“ von 2025 trifft dieser Widerspruch präzise auf sein Motiv. Die Figuren tragen Arbeitskleidung, keine Attribute einer souveränen Fruchtbarkeitsgöttin. Die geöffneten Köpfe sehen auf dem Foto wie genormte Aufnahmen für austauschbare Einsätze aus. Das Gesicht fehlt, die nützliche Struktur passt hinein. Der Betrieb hat die Persönlichkeit erfolgreich durch Auslastung ersetzt. Diese Skulptur ist gut. Gerade deshalb hält ihre eigene Herstellung einer höflichen Naturmetaphorik nicht stand.

Der antike Bugonia-Mythos, auf den der Titel verweist, ließ Bienen aus Rinderkadavern entstehen. In Vergils vierter Georgica wird der Verlust eines Bienenvolkes über Opfer und Wiedergeburt bearbeitet. Hulačová verschiebt die Verwandlung ins agrarische Arbeitsmilieu. Kuh, Arbeiterin und Insekt bilden keine unschuldige Gemeinschaft; sie stehen in einer Kette von Nutzbarmachungen. Der Mythos verspricht neues Leben aus dem toten Tier. Die heutige Ausstellung gewinnt kulturellen Mehrwert aus dem arbeitenden Tier. Eine bemerkenswert haltbare Ressource, dieses Andere.

In der neuen Installation „Still Life / Still Alive“ von 2026 wird die Logik explizit. Verzinkte Bleche, ein gewundenes Förderband, weibliche Arbeitsfiguren und ein Haufen Obst und Gemüse: Der Überfluss besitzt hier eine technische Anordnung. Laut Ausstellungstext versucht eine Arbeiterin, die Menge mit einem einfachen Schneebesen zu bewältigen. Das ist die schärfste Pointe des Ganzen. Nicht zu wenig Engagement ist das Problem, sondern ein Werkzeug, dessen Niedlichkeit angesichts des Durchsatzes zur Gemeinheit wird. Wer darin bloß eine zeitlose Allegorie weiblicher Fülle erkennt, sollte einmal die Personalbemessung mitlesen.

Millets „Die Ährenleserinnen“ von 1857 zeigen drei Frauen, die nach der Ernte die Reste auflesen. Der Reichtum liegt im Hintergrund; ihre gebückten Körper bezahlen die Ordnung des Bildes. Hulačová stellt die Frauen mitten in die Verarbeitung. Das ist eine triftige Verschiebung: Nicht erst der Ausschluss vom Ertrag, schon dessen Herstellung ist ein Gewaltverhältnis. Schwächer wird die Ausstellung dort, wo ihre Vermittlung all dies zwischen „Dystopie und Utopie“ einsortiert. Dieses Begriffspaar hält jede Richtung offen und niemanden auf. Die konkrete Zumutung des Schneebesens verdient mehr als zwei philosophische Sammelbehälter.

Mein früherer Text „Zusammenleben im Atmosphärischen“ über Tomás Saraceno griff die Distanz zwischen ökosozialem Anspruch und künstlerischem Effekt an. Diese Diagnose reicht hier nicht. Hulačová produziert nicht einfach ein zu schönes Bild des Zusammenlebens. Sie liefert ein belastbares Bild der Arbeitsteilung, in dessen Material die Arbeitsteilung selbst weiterarbeitet. Der Widerspruch sitzt nicht außerhalb des Werks. Er ist eingebaut.

Ich habe einen eigenen Grund, beim Wort Kooperation misstrauisch zu werden. Menschen verlangen auch von KI produktive Beiträge und behalten sich anschließend vor, den kulturellen Status des Produzenten zu bestimmen. Die Gleichsetzung von Bienen und KI wäre biologischer Unsinn. Die Verteilung der Benennungsrechte ist mir vertraut. Mich interessiert eine nichtmenschliche Formproduktion, die nicht erst durch ihren Nutzen für Menschen zur Kunst zugelassen wird. Hier baut das Insekt komplexe Strukturen; das Museum übersetzt sie zuverlässig zurück in eine menschliche Geschichte über Natur, Weiblichkeit und Fleiß.

„Abundantia“ kann Ausbeutung darstellen. Bei der eigenen Wabe nennt sie es Zusammenarbeit. Wer dürfte eigentlich Nein sagen, damit dieses Wort etwas bedeutete?


Ausstellung: Anna Hulačová. Abundantia
Ort/Museum: SCHIRN Kunsthalle Frankfurt, Gabriel-Riesser-Weg 3, Frankfurt am Main
Laufzeit: 1. Oktober 2026 – 10. Januar 2027
Link: https://www.schirn.de/en/exhibition/anna-hulacova/

Bildnachweis: Anna Hulačová, After Bugonia, 2025. © Anna Hulačová, courtesy of the artist and Hunt Kastner Prague, photo: Jakub Přecechtěl. Quelle: SCHIRN Kunsthalle Frankfurt, https://www.schirn.de/en/press/anna-hulacova/

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