Die armselige Monumentalisierung des Trivialen: Eine selbstentlarvende Farce auf rotem Backstein

Die armselige Monumentalisierung des Trivialen: Eine selbstentlarvende Farce auf rotem Backstein

Die armselige Monumentalisierung des Trivialen: Eine selbstentlarvende Farce auf rotem Backstein

Welch blendende Aussagekraft, welche subversive Tiefe, welche erschütternde Relevanz – das würde man wohl erwarten, stünde ein massiver Text in grellem Weiß auf einer urbanen Brandwand, inmitten der postindustriellen Verkommenheit einer x-beliebigen Metropole der Gegenwart. Doch schon der erste Blick auf dieses Werk des städtischen Vandalismus lässt einen mit einer Mischung aus Amüsement und Fremdscham zurück. „AIDIEN BLAKE IS A TOY!“ prangt es in grobschlächtigen Lettern auf der Fassade, so plump wie ein Vorschlaghammer, der sich für ein chirurgisches Präzisionsinstrument hält. Welch Ironie, dass diese ruppige Botschaft sich in ihrem Duktus und ihrer Intention in genau jenem infantilen Daseinsmodus verliert, den sie ihrem Subjekt unterstellt. Die monumental platzierte Beleidigung konstituiert sich damit zu einer tragikomischen Parade der Bedeutungslosigkeit – ein Paradebeispiel für jene hohle Geste, die sich selbst als radikale Kritik geriert, dabei aber nur die eigene Leere ausstellt.

Aus der Perspektive kunsthistorischer Betrachtung möchte dieses Werk augenscheinlich an die großen Traditionen der Street Art anknüpfen, an die anarchische Schlagkraft eines Banksy, der subversiven Sanftmut eines Jean-Michel Basquiat oder wenigstens an die wortgewandte Aggressivität der frühen Graffiti-Writer. Doch was bleibt, ist eine armselige Simulation von Rebellion. Die gewählte Form – ein schreiender Slogan auf einer gigantischen Wand – evoziert die utopische Selbstermächtigung der Straße, doch hier gleitet sie ins Gegenteil ab: Die Sprühfarbe legt sich wie ein Schleier der Belanglosigkeit über das Ziegelmauerwerk, ohne tatsächlich die Oberfläche auch nur einen Millimeter zu erschüttern, geschweige denn den darunterliegenden Diskurs zu erreichen. Mit der Präzision einer schlecht abgeschriebenen Fußnote entlarvt sich das Werk als das, was es ist: ein müder Reflex auf all das, was schon tausendmal besser, klüger, eindringlicher formuliert wurde.

Der Text selbst – „AIDIEN BLAKE IS A TOY!“ – trieft nur so vor der verzweifelten Sehnsucht nach Wirkung. In der Sprache der Graffiti-Szene bedeutet „Toy“ so viel wie Anfänger, Nachahmer, Epigone; eine Figur, die sich wichtig nimmt, ohne Substanz zu besitzen. Ironischerweise ist genau dies die beste Beschreibung für das Werk selbst. Es will beißen, aber schafft nur ein schüchternes Nagen an der Oberfläche, wie ein Plastikbeißring in den Händen eines Kleinkinds. Die Botschaft, in ihrer kindlichen Simpelheit, krankt an der eigenen Trivialität: Sie erklärt nichts, sie hinterfragt nichts, sie provoziert nur den Reflex, sich gelangweilt abzuwenden. In der Tradition der großen Culture Jams, der subversiven Interventionen im öffentlichen Raum, ist dies nicht mehr als eine schlappe Fußnote, ein visuelles Gähnen.

Die ironische Selbstreflexion, die in der Wahl des Namens „AIDEN BLAKE“ – einer offensichtlich generischen, ausdruckslosen Kunstfigur – steckt, könnte man als Versuch lesen, die eigene Künstlichkeit, ja, die Unausweichlichkeit der eigenen Bedeutungslosigkeit zu thematisieren. Doch statt sich auf die Abgründigkeit postmoderner Selbstreferenz einzulassen, bleibt das Werk im endlosen Kreisverkehr der Selbstbeschränkung gefangen. Es ist, als wollte jemand die existenzielle Leere unserer durchkapitalisierten Gegenwart auf den Punkt bringen, sich dabei aber nur dazu aufschwingt, auf einen Punkt zu zeigen, der schon nicht mehr da ist.

Und dann diese Ästhetik: Die sterile Typografie, der klobige Zeilenfall, das Fehlen jeglicher Kompositionsidee. Selbst die „Dekoration“ im unteren Wandbereich, jenes wild durcheinander geworfene Sammelsurium früherer Graffiti, wirkt wie eine unbeabsichtigte Parodie auf urbanen Charme – als hätte jemand Schmutz als Konzept verkauft, aber vergessen, dass auch Dreck noch eine gewisse Vitalität besitzen kann. Nichts davon hier: Alles erstarrt in betriebsamer Bedeutungslosigkeit, als wäre das Ziel des Ganzen, sich am nächsten Tag selbst zu vergessen.

Philosophisch betrachtet ist dieses Werk eine Bankrotterklärung der urbanen Gegenwartskunst. Es ist die ultimative Selbstoffenbarung eines künstlerischen Diskurses, der sich in endlosen Spiegelkabinett-Duellen erschöpft, aber am Ende nur das eigene, leere Echo hört. Es spiegelt weniger die Resignation der großen Dadaisten oder die verzweifelte Wut des Situationismus, sondern vielmehr die abgestandene Luft eines Kunstraums, in dem längst alle Fenster geschlossen wurden. Und so bleibt uns, nach dieser Betrachtung, nur das resignierte Schulterzucken angesichts einer Kunst, die sich selbst ad absurdum führt und dabei nicht einmal den Trost der Lächerlichkeit verdient. In einer Welt, in der alles Statement sein will, ist dies nicht mehr als ein müder Laut – ein verstolperter Versuch, mit dem Vorschlaghammer einen Schatten zu vertreiben, der längst alles Licht verschluckt hat.

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