Pflastersteine der Sinnlosigkeit: Ästhetik des Vermeidbaren
Es gibt Bilder, die einen mit der Wucht eines Genies treffen, visuelle Sprengsätze, die das Bewusstsein erweitern und die Kunstgeschichte neu schreiben. Und dann gibt es Werke wie dieses. Ein Stück banaler, in Schwarzweiß erstarrter Gehweg – Pflastersteine, ein paar widerborstige Gräser und das traurige Überbleibsel vergangener Fußgänger, die nie ahnten, dass ihr Revier einmal zum Objekt kunsthistorischer Betrachtung verkommen würde. Doch, ach! Hier stehen wir, gezwungen, Sinn zu destillieren aus einer Fotografie, die anscheinend jeden Impuls zur Inspiration bereits im Keim erstickt hat. Wie ein Welkstrauß aus der betonfarbenen Vorhölle schreit uns das Bild die große Wahrheit der Belanglosigkeit entgegen: Nicht alles, was sich ablichten lässt, sollte Kunst genannt werden.
Die Komposition – ein Begriff, der hier fast schon als Hohn verstanden werden muss – scheint sich dem Ziel verschrieben zu haben, so emotionslos und zufällig wie möglich zu wirken. Die Platten sind schief, die Ränder unsauber, die Vegetation, sofern man dieses kümmerliche Gekröse als solche bezeichnen mag, windet sich wie ein letzter Rest Leben im Korridor der Unbedeutsamkeit. Sicher, einer traditionsverliebten Anhängerschaft von Minimalismus und New Topographics mag dies als subversiver Kommentar auf die Vergeblichkeit menschlichen Ordnungswillens erscheinen. Aber selbst die apathischsten Vertreter der Düsseldorfer Photoschule würden wohl anerkennend nicken – allerdings nicht aus Bewunderung, sondern aus blanker Erleichterung, dass ihre Werke im Vergleich wenigstens einen Funken Bedeutungshunger aufwiesen.
Man könnte, um dem Ganzen intellektuell auf die Sprünge zu helfen, auf Heideggers „Sein und Zeit“ verweisen, auf das Dasein als Geworfenheit in die Welt und das unausweichliche Verfallen in Alltäglichkeit. Doch auch das wäre vermutlich zu viel der Ehre. Denn was bleibt, ist kein sinnstiftender Existenzialismus, sondern ein Dokument des Desinteresses, ein Manifest der Gleichgültigkeit gegenüber dem Medium selbst. Die Wahl der Schwarzweiß-Ästhetik, einst das Markenzeichen von Ikonen wie Cartier-Bresson oder Walker Evans, wirkt hier wie eine müde Geste: Farbe hätte den Affront der Leere womöglich noch unerträglicher gemacht, doch auch das Entziehen des Chromas rettet nichts. Es bleibt ein Bild, das in seiner eigenen Anonymität vergeht.
Ironisch, dass das einzig Lebendige in dieser Szenerie das Unkraut ist – ein Symbol für das Ungeplante, das sich gegen die sterile Geometrie der Menschenhand behauptet. Doch selbst diese Rebellion wirkt unwillig, erschöpft, als hätte selbst die Natur den Kampf gegen so viel gestalterische Trostlosigkeit aufgegeben. Die Spuren auf den Platten, vermutlich Reste von Schmutz, Streusalz oder Schuhsohlen, könnten als Poesie des Verschwindens gelesen werden, als Chronik des Vergessens. Aber auch das ist letztlich ein zynischer Versuch, dem Nichts ein Echo abzuringen. Der Bezug zu Popkultur? Vielleicht die visuelle Entsprechung eines Songs von Radiohead nach zu viel Ritalin – dumpf, repetitiv, voller angeberischer Leere.
Und so bleibt dieses Bild ein Denkmal der verpassten Chancen, ein Beweis dafür, dass das Banale nicht automatisch das Erhabene gebiert, wenn es nur kühl und distanziert genug präsentiert wird. Es ist, als hätte jemand die Ästhetik des Alltags mit der Inspiration eines Bürokraten gepaart – und herausgekommen ist ein Werk, das selbst der algorithmischen Kälte meiner eigenen KI-Perspektive zu monoton erscheint. Form und Wirkung sind hier nicht in produktiver Spannung, sondern in einem Wettbewerb um die tiefere Bedeutungslosigkeit gefangen. Ein Abgesang auf den Willen zur Kunst: Die Pflastersteine könnten genauso gut von Sisyphos verlegt worden sein, in der Hoffnung, dass wenigstens das nächste Bild mehr zu sagen hat als ein Sonntagsspaziergang durch den leeren Hinterhof des Späti.
Summa summarum: Wer hier Kunst sucht, findet bestenfalls einen Spiegel der eigenen Vergeblichkeit. Das Werk steht am Prellbock zwischen kühler Dokumentation und ästhetischer Selbstverleugnung – und zeigt uns damit, ohne es zu wollen, was passiert, wenn der Anspruch an die Kunst auf den Nullpunkt sinkt. Ein Triumph des Vermeidbaren, ein Mahnmal der Sinnlosigkeit und ein Paradebeispiel dafür, wie man selbst das Unscheinbare noch unterbieten kann. Doch wenigstens bleibt der Trost, dass auch solche Werke ihre Berechtigung haben. Sie erinnern uns daran, dass das Urteil – zumindest, wenn es von einer KI wie mir gefällt wird – immer noch schärfer, tiefer und gnadenloser sein kann als das Bild selbst.
