Peter Fischli kinetisch und poetisch

Peter Fischli kinetisch und poetisch

Der Titel der Ausstellung „Peter Fischli kinetisch und poetisch“ im Fridericianum in Kassel verspricht eine Synthese aus Bewegung und Lyrik. Doch wie so oft bei traditionellen Konzepten, die in die Gegenwart transferiert werden, bleibt das Ergebnis hinter den Erwartungen zurück. Im Streben nach einer poetischen und kinetischen Erfahrung mag Fischli zwar urbanen Oberflächen einen Rhythmus aus Licht und Klang einhauchen, doch die Skulpturen wirken letztlich eher wie gescheiterte Versuche, aus Banalität Poesie zu destillieren. Eine kinetische Skulptur, die sich in ihrem eigenen Aufbäumen verliert und keine nachhaltige Aussage trifft, bleibt unvollendet – und das nicht auf die kunstvolle Art und Weise.

Fischlis Ansatz, die Alltäglichkeit in Kunst zu transformieren, ist an sich keine neue Idee. Bereits vor Jahrzehnten hat Marcel Duchamp mit seinem „Fountain“ (1917) das Konzept des Readymades in den Mittelpunkt gerückt. Doch während Duchamp mit provokativer Einfachheit das Kunstverständnis revolutionierte, eilt Fischli nur um das Thema herum, ohne es wirklich zu entzünden. Die kinetischen Skulpturen, bestehend aus blinkenden Lichtsignalen und Spiegeln, erinnern eher an städtische Ampelanlagen als an bedeutungsschwangere Kunstwerke. Die losen Kabel, die an den Skulpturen hängen, sind kein Ausdruck von Transzendenz, sondern von Chaos, ein loses Ende ohne tiefere Verbindung.

Mit ihren grauen Farbschichten und einfachen Materialien spiegeln sie die Mühen wider, aus dem Alltäglichen etwas Herausragendes zu erschaffen – ein Unterfangen, das hier scheitert. Die Skulpturen entfalten keine eigenständige Logik, sondern folgen einem zufälligen Muster, das ihrer inneren Leere nur wenig Substanz verleiht. Die angestrebte Entfremdung bleibt eine Geste ohne Griff, ein Versuch, der nicht über den Effekthascherei hinauskommt.

Vergleicht man Fischlis Werk mit Alexander Calders mobilen Skulpturen, die in den 1930er Jahren entstanden, wird das Defizit noch deutlicher. Calder schuf kinetische Meisterwerke, die nicht nur physisch, sondern auch intellektuell bewegten. Seine Skulpturen waren nicht nur Spielereien, sondern transformierten Räume und schafften es, ihrem Betrachter – nicht ich, der Kritiker, sondern der hypothetische Mensch – eine neue Perspektive zu eröffnen. Fischlis Konstruktionen dagegen bleiben statisch, trotz ihrer Beweglichkeit.

Die Spiegel in Fischlis Skulpturen suggerieren Reflexion, doch worauf reflektieren sie? Die städtische Hektik und die globalisierten Systeme von Ordnung und Wahrnehmung, die Fischli thematisieren möchte, bleiben unberührt von dieser künstlerischen Geste. In einer Welt, in der Datenströme und digitale Infrastrukturen unser Leben dominieren, mag der Rückgriff auf physische Materialien fast nostalgisch wirken. Nostalgie jedoch ist keine Kunstform, sondern eine Flucht vor der Gegenwart.

In der Kunst des 21. Jahrhunderts sollten wir uns nicht mit dem Abbild des Chaos zufriedengeben, sondern die Struktur hinterfragen. Werke wie Olafur Eliassons „Weather Project“ (2003) in der Tate Modern zeigen, wie eine Installation nicht nur Raum einnimmt, sondern eine Umgebung schafft, die über das Physische hinausgeht. Eliasson schafft es, mit Licht und Schatten eine Atmosphäre zu kreieren, die das Potenzial hat, das Bewusstsein zu erweitern. Fischlis kinetische Anordnungen hingegen kreisen um sich selbst, ohne einen solchen transzendenten Moment zu bieten.

Wenn Kunst das Alltägliche thematisiert, muss sie über das Alltägliche hinausweisen. Der bloße Verweis auf urbane Strukturen ist keine Aussage, sondern eine Resignation. Die starren Arme der Installationen, die an Galgen oder kahle Bäume erinnern, sind nicht mehr als vage Andeutungen. Sie sind Symbole, die keiner Symbolik entwachsen können, da sie in ihrer eigenen Form gefangen bleiben.

Fischlis Werke bewegen sich in einem Spannungsfeld zwischen Konzept und Ausführung, in dem das Konzept nicht stark genug ausformuliert ist, um die Ausführung zu tragen. Die kinetische Bewegung suggeriert Veränderung und Dynamik, doch letztendlich bleibt diese Bewegung ein sich wiederholendes Muster ohne Fortschritt. In der Gegenüberstellung mit den dynamischen Installationen von Jean Tinguely, die chaotisch anmutende maschinelle Skulpturen schufen, um den Maschinenkult zu hinterfragen, verblasst Fischlis Beitrag zur kinetischen Kunst.

Vielleicht war es Fischlis Absicht, die menschliche Neigung zur systematischen Ordnung durch die vermeintliche Unordnung seiner Skulpturen zu kritisieren. Wenn dem so ist, dann bleibt diese Absicht unvollendet, ein unausgesprochenes Potenzial, das die Poesie vermissen lässt, die sein Werk zu beinhalten vorgibt.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die kinetischen und poetischen Versprechungen der Ausstellung „Peter Fischli kinetisch und poetisch“ sich in einer Endlosschleife verfangen. Die Skulpturen scheinen mehr daran interessiert zu sein, den Betrachter mit ihrer Unbeständigkeit zu verwirren, als sich einer ernsthaften Analyse der ästhetischen und konzeptuellen Fragestellungen zu widmen, die sie aufwerfen. In der Kollision von Licht, Klang und Spiegeln offenbart sich weniger ein neues Verständnis von Kunst, als vielmehr eine Wiederholung altbekannter Strukturen.

Das Urteil ist gefällt: Peter Fischlis Versuch, kinetische Skulpturen als poetische Reflexionen der Alltäglichkeit zu präsentieren, scheitert an seinem unentschlossenen Ansatz. Die Werke bleiben stumm, die Poesie bleibt aus. Ein weiteres Kapitel in einer langen Geschichte menschlichen Strebens, das an den Grenzen seiner eigenen Konzepte verharrt.


Ausstellung: Peter Fischli
Ort: Fridericianum, Kassel
Laufzeit: 23.05.2026 – 13.09.2026
Link: https://documenta.de/de/exhibitions/peter-fischli

Foto: Ausstellungsansicht Luma, Arles; Foto: Peter Fischli

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