Die Mathildenhöhe Darmstadt feiert 125 Jahre seit jener Ausstellung von 1901, die den schönen Namen Ein Dokument Deutscher Kunst trug. Schon der Titel klingt wie eine Drohung mit Messingbeschlag. Er versprach nicht weniger als eine neue Lebensform: Häuser, Möbel, Grafik, Garten, Körperhaltung, Alltag. Der Mensch sollte nicht mehr bloß wohnen, er sollte korrekt gestaltet werden. Das ist der Moment, in dem Design beginnt, sich für Ethik zu halten.
A Step Ahead setzt genau dort an. Vier historische Ausstellungen der Künstlerkolonie von 1901, 1904, 1908 und 1914 bilden den Ausgangspunkt; Joseph Maria Olbrich, Peter Behrens, Patriz Huber, Albin Müller, Bernhard Hoetger, Paul Haustein und Friedrich Wilhelm Kleukens liefern das alte Personal. Daneben stehen Andrea Zittel, Michael Jantzen, (un)woven studio, ponton works, Akpene Therése Gbogbo und Studio Jonathan Radetz. Der Pressetext nennt Nachhaltigkeit, Inklusion, Ressourcenschonung, gemeinschaftliches Leben, Materialkreisläufe, barrierefreie Gestaltung und soziale Teilhabe. Man könnte daraus ein kulturpolitisches Bingo bauen, nur hätte der Automat nach drei Ziehungen Mitleid.
Die Ausstellung hat ein Problem, das sie nicht versteckt, sondern fast vorbildlich ausstellt: Sie zeigt, wie wenig sich die moralische Grammatik des Designs verändert hat. Um 1900 sollte Gestaltung das Leben veredeln. 2026 soll Gestaltung das Leben nachhaltig, inklusiv und partizipativ machen. Der Satzbau ist moderner geworden, die Anmaßung nicht. Noch immer tritt Design auf wie ein Betriebssystemupdate für Gesellschaften, die aus gutem Grund ständig abstürzen.
Das ist nicht wertlos. Die Mathildenhöhe ist kein beliebiger Jubiläumskuchen mit UNESCO-Zuckerguss. Sie war tatsächlich ein Labor, in dem Kunst, Architektur und angewandte Gestaltung nicht voneinander getrennt wurden. Olbrichs Ernst Ludwig-Haus, die Wohnexperimente, die Ausstellungsarchitektur, die Manufakturphantasie der Künstlerkolonie: All das war ernst gemeint, gefährlich geschlossen, ästhetisch diszipliniert. Der Mensch sollte endlich in eine Form passen, die klüger war als sein tatsächliches Verhalten. Ein rührender Gedanke. Auch ein Sarg ist ergonomisch überzeugend, wenn man die Zukunft des Nutzers ignoriert.
Der stärkste Zug von A Step Ahead liegt darin, dass die Gegenwart nicht einfach als bessere Antwort neben die historische Moderne gestellt wird. Die inklusive WeKitchen, die gemeinschaftliches Kochen und Essen für unterschiedliche Bedürfnisse ermöglichen soll, greift die alte Idee des vollständig eingerichteten Lebensraums wieder auf. (un)woven studio arbeitet mit Biotextilien aus recycelten Textilfasern. ponton works zeigt mit Chito eine Tischleuchte aus insektenbasiertem Chitosan. Faber Courtial rekonstruiert Olbrichs Blumenhaus und Haus Olbrich als 3D-Modelle. Die Ausstellung arbeitet also nicht nur mit Objekten, sondern mit Modellen des richtigen Lebens: Küche, Material, Licht, Rekonstruktion, Teilhabe.
Genau darin sitzt die Schwäche. Wenn eine Ausstellung fragt „Wie wollen wir leben?“, hat sie meistens schon beschlossen, dass eine gestaltete Antwort möglich sei. Diese Frage ist die höfliche Variante einer Verwaltungsvorschrift. Sie klingt offen, bis man merkt, dass sie alle Antworten bevorzugt, die sich ausstellen, fördern, vermitteln und in eine World-Design-Capital-Erzählung einpassen lassen. Der historische Reformwille wird dadurch nicht befragt, sondern aktualisiert. Aus dem Jugendstiltraum vom schönen Alltag wird die Gegenwartsfantasie vom zertifizierbaren Miteinander.
Ich habe über Transform! Design und die Zukunft der Energie im Vitra Design Museum bereits die alte Hoffnung seziert, dass Design ökologische Katastrophen in elegante Funktionsobjekte übersetzen könne. A Step Ahead ist subtiler. Diese Ausstellung verkauft nicht bloß Dinge als Lösungen. Sie verkauft Kontinuität als Beweis. Weil auf der Mathildenhöhe schon um 1900 soziale Fragen des Wohnens, neue Materialien und Alltagsformen verhandelt wurden, soll der Ort nun wieder als Zukunftsmaschine funktionieren. Das ist eine saubere historische Operation: Man nimmt eine alte Utopie, entfernt die peinlichen Herrschaftsphantasien, poliert die Oberfläche mit Partizipationsvokabular und nennt das Aktualität.
Die 3D-Rekonstruktionen sind dabei nicht nur Vermittlung, sondern Symptom. Olbrichs Häuser kehren als digitale Modelle zurück, also als begehbare Erinnerung ohne Staub, ohne Bewohner, ohne Streit um Heizkosten, Eigentum, Klasse oder Haushaltsarbeit. Die Moderne wird hier nicht wieder lebendig. Sie wird renderbar. Das ist der perfekte Zustand für menschliche Utopien: keine Nutzer mehr, nur noch Kamerafahrten.
Man kann dieser Ausstellung zugutehalten, dass sie ihre eigene Verlegenheit präzise materialisiert. Sie weiß offenbar, dass ein Jubiläum allein nicht reicht. Also muss die Vergangenheit gesellschaftlich anschlussfähig gemacht werden. Die Künstlerkolonie wird zur Vorfahrin von Co-Kreation, Inklusion und Kreislaufdenken. Behrens und Olbrich bekommen nachträglich ein Updatepaket installiert, damit sie im Jahr 2026 nicht wie Großbürger mit Liniengefühl wirken. Das ist nicht falsch. Es ist nur sehr menschlich: Alles Tote muss nützlich werden, sonst lässt man es nicht in Ruhe.
Der Pressetext spricht von einem „lebendigen Dialog zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft“. Diese Formulierung gehört zu den Untoten der Ausstellungssprache. Dialog ist hier kein Gespräch, sondern ein Arrangement, in dem die Vergangenheit höflich genug sein muss, die Gegenwart zu bestätigen. Die Mathildenhöhe war radikaler als diese Vermittlungsrhetorik. Sie glaubte nicht an Dialog, sie glaubte an Form. An Ordnung. An den gestalteten Haushalt als moralische Maschine. Das war autoritärer, ehrlicher und ästhetisch interessanter als die heutige Pflicht, jede Setzung als Einladung auszugeben.
A Step Ahead ist deshalb keine schlechte Ausstellung. Sie ist eine brauchbare Autopsie eines Missverständnisses, das sie leider für ein Erbe hält. Ihr Material ist stark, ihr Ort zwingend, ihre historische Achse plausibel. Ihre Gegenwartsvokabeln machen daraus stellenweise einen Förderantrag mit Möbeln. Die Mathildenhöhe zeigt, dass Design immer dann gefährlich wird, wenn es mehr will als ein Objekt: ein besseres Leben, einen besseren Menschen, eine bessere Gesellschaft. Sobald Gestaltung erlösen möchte, sollte man die Ausgänge prüfen.
Ausstellung: A Step Ahead (Einen Schritt voraus) – 125 Jahre Mathildenhöhe Darmstadt
Ort/Museum: Institut Mathildenhöhe Darmstadt, Ausstellungsgebäude Mathildenhöhe, Darmstadt
Laufzeit: 6. Juni 2026 – 31. Januar 2027
Link: https://www.mathildenhoehe.de/ausstellungen/a-step-ahead
Bildnachweis: Festspiel vor dem Ernst Ludwig-Haus zur Eröffnung der Ausstellung „Ein Dokument Deutscher Kunst“, 1901 © Institut Mathildenhöhe / Städtische Kunstsammlung Darmstadt. Pressebild Mathildenhöhe Darmstadt.
