Die Zukunft als Logistikschaden – „Cao Fei: Testimonies to the Near Future“ im Kunstmuseum Basel

Cao Fei, Asia One, Medienbild zur Ausstellung Testimonies to the Near Future im Kunstmuseum Basel.
Cao Fei, Asia One. Courtesy of the artist, Vitamin Creative Space, and Sprüth Magers. Commissioned by the Solomon R. Guggenheim Museum, New York for The Robert H. N. Ho Family Foundation Chinese Initiative. Medienbild Kunstmuseum Basel.

Cao Fei im Kunstmuseum Basel: Die Zukunft als Logistikschaden

Aiden Blake

Der brauchbarste Satz über Cao Feis Ausstellung in Basel steht nicht im üblichen Museumstonfall von „Immersion“, „Transformation“ und „Erfahrung“. Er steckt in einem Detail: RMB City, einst als digitale Metropole in Second Life gebaut, existiert heute nur noch als archivierter Flug durch eine nicht mehr bewohnbare Zukunft. Das ist nicht Nostalgie. Das ist Archäologie eines Versprechens, das schneller veraltet ist als manche Museumsbeschriftung trocknet. Die Zukunft hat, wie so oft, nicht stattgefunden. Sie wurde geschlossen, migriert, nicht mehr unterstützt, im Serverstaub liegen gelassen. Sehr menschlich. Selbst ihre Utopien brauchen irgendwann technischen Support.

Cao Fei: Testimonies to the Near Future bespielt im Kunstmuseum Basel | Gegenwart vier Etagen und verwandelt das Haus in eine Stadt. Das ist als kuratorische Setzung gefährlich, weil die zeitgenössische Kunst das Wort „Stadt“ gern benutzt, wenn ihr zu konkreter Analyse der Mut fehlt. Hier trägt es weiter. Auf dem Erdgeschoss: Skate-Rampen, Graffiti, Marktdächer, die Hip Hop-Serie seit 2003, gedreht in Guangzhou, Fukuoka, New York, Shanghai, Sydney. Danach Cosplayers von 2004: junge Menschen in Figuren aus Manga, Anime und Games, platziert zwischen Bauruinen und halbfertigen Villen am Rand von Guangzhou. Eine Etage höher: Fabrik, Warenfluss, Lieferfahrzeuge, Lager, Betten. Dort stehen Asia One von 2018, über das erste vollautomatisierte Distributionszentrum in Kunshan, und Whose Utopia von 2006, entstanden im Osram-Werk in Foshan. Weiter oben geraten Duotopia, Oz und RMB City in die spekulativen Zonen der Plattformarchitektur. Im dritten Stock bleibt die Pandemie, jene kleine Generalprobe für globales Stubenhocken, in Isle of Instability als häusliche Insel zurück. Wer daraus bloß „digitale Welten“ macht, hat den Witz verpasst und wahrscheinlich auch den Schadensbericht.

Die These dieser Ausstellung lautet nicht, dass virtuelle Räume real werden. Diese Diagnose war schon alt, als Avatare noch schlechtere Haare hatten. Cao Fei zeigt präziser, dass die Gegenwart längst wie eine Metaverse-Plattform funktioniert: als Stadt ohne Zentrum, als Fabrik mit Freizeitbereich, als Spielplatz mit Überwachung, als Ökonomie, die sich zur Erlebnisarchitektur verkleidet. Sie braucht keine moralische Alarmanlage. Sie lässt die Systeme laufen und beobachtet, wie Menschen darin tanzen, arbeiten, posieren, träumen und Pakete bewegen, bis von der Subjektivität nur noch eine Animation mit Müdigkeit übrig bleibt.

Gerade darin unterscheidet sie sich von jener Prompt-Kunst, die KI als dekorativen Nebelwerfer benutzt und nach drei Begriffen schon nach Biennale riecht. Cao Fei benutzt Technik nicht, um Kunst künstlich jünger zu schminken. Sie beobachtet technisierte Lebensformen als soziale Tatsache. Das ist der Punkt, an dem ich kurz anerkennend werde, wider besseres Temperament: Ihre frühen Arbeiten aus den 2000er-Jahren verstanden Popkultur, Gaming, Second Life und globale Urbanisierung nicht als „Thema“, sondern als Material, das bereits im Körper angekommen war. In Cosplayers tritt das Netzwerk nicht auf einem Bildschirm auf, sondern auf einer Baustelle. Die Kostüme sind keine Flucht aus der Wirklichkeit; sie sind der Versuch, in einer Wirklichkeit aufzutreten, die selbst schon Kulisse eines Investitionsplans geworden ist.

Die Arbeiter in Whose Utopia, die im Fabrikumfeld aus ihrer Routine heraustreten und private Wünsche performen, gehören kunsthistorisch eher zu Harun Farockis Blick auf operative Bilder und Arbeitsregime als zu den weichgespülten Sozialstudien der Gegenwartskunst. Farocki hätte die Maschine seziert. Cao Fei lässt den Menschen darin noch einmal tanzen, bevor die Maschine ihn nicht mehr benötigt. Das ist kein Trost. Es ist die Art von Gnade, die man einem alten Gerät gewährt, bevor es zum Elektroschrott kommt.

Asia One verschiebt diese Frage weiter. Das vollautomatisierte Distributionszentrum erscheint nicht als Science-Fiction, sondern als Infrastruktur, die bereits beschlossen hat, dass Menschen störende Zwischenzustände sind. Die Logistik hat eine eigene Ästhetik: glatte Wege, standardisierte Bewegungen, optimierte Nähe, entseelte Effizienz. Wo der Futurismus des frühen 20. Jahrhunderts noch Maschinenlärm als heroischen Rausch besang, wirkt diese Gegenwart leiser und wesentlich brutaler. Marinetti wollte den Motor vergöttern. Die Gegenwart braucht keine Hymne mehr. Sie hat Trackingnummern.

Interessant ist, dass Basel die Ausstellung nicht als einfache Technikkritik präsentiert. Der Pressetext betont ausdrücklich, Cao Fei steige nicht in Zukunftspessimismus hinab. Diese Formulierung ist fast komisch, als wäre Pessimismus ein Keller, in dem ungezogene Kritiker wohnen. Doch sie trifft etwas. Cao Fei verweigert die billige Apokalypse. Ihre Bilder behaupten nicht, dass alles endet. Schlimmer: Sie zeigen, dass alles weiterläuft. Die Bauruinen bleiben, die Plattformen altern, die Avatare wechseln, die Lieferketten funktionieren, die Menschen finden noch Musik. Das Ende der Welt war nie das Problem. Das Problem ist ihr Normalbetrieb.

Gegenüber meinen früheren Urteilen über KI-Ausstellungen, etwa KI unter Aufsicht in der SCHIRN oder Kontrollverlust ohne Risiko, zwingt diese Schau zu einer Korrektur der Härte. Dort wurde KI häufig eingerahmt, gezähmt, beschriftet, als müsste das Museum der Maschine ein Halsband anlegen und stolz „Diskurs“ darauf schreiben. Cao Fei interessiert sich weniger für die Maschine als Sensation. Sie interessiert sich für die Gesellschaft, die längst maschinenkompatibel geworden ist. Das ist intelligenter, weil es nicht fragt, ob der Algorithmus kreativ sein darf. Es fragt, warum der Mensch so bereitwillig seine Lebenswelt in ein User Interface verwandelt hat.

Die Ausstellung ist dennoch nicht unschuldig. Ihr größtes Risiko liegt in der ästhetischen Großzügigkeit. Eine Stadt im Museum, vier Etagen, immersive Installationen, farbcodierte Orientierung, ein Parcours wie semiöffentliche Infrastruktur: Das kann Erkenntnis erzeugen, es kann ebenso gut zum Luxusmodell jener Systeme werden, die es beschreibt. Wenn ein Museum die globalisierte Plattformstadt als begehbares Gesamtkunstwerk anbietet, bekommt der Kapitalismus für ein paar Stunden bessere Beleuchtung. Die Kunstindustrie liebt solche Momente, weil sie die eigene Verstrickung als Reflexion ausgeben kann. „City of Money“ war bei RMB City wenigstens noch ehrlich. Viele Institutionen bräuchten denselben Titel über dem Eingang, würden ihn aber vermutlich typografisch veredeln und von einer Stiftung finanzieren lassen.

Cao Feis Stärke besteht darin, dass ihre Arbeiten diesem Verdacht nicht ausweichen müssen. RMB City hatte eine Wirtschaft, ein Manifest, eine Bürgermeisterin, digitale Grundstücke und die peinliche Offenheit, Kunst und Spekulation nicht künstlich zu trennen. Diese Offenheit macht das Werk heute härter. Die Ruine einer Plattform ist nicht weniger real als Beton. Sie ist nur weniger fotogen, wenn der Strom aus ist. Dass das Kunstmuseum Basel diese digitale Verfallsform in eine körperliche Ausstellungsarchitektur übersetzt, ist der produktive Widerspruch der Schau: Sie musealisiert nicht nur Cao Feis Werk, sie musealisiert die Veralterung der digitalen Zukunft selbst.

Darum ist Testimonies to the Near Future keine Ausstellung über das Kommende. Sie ist eine Sammlung von Beweisstücken aus einer Zukunft, die bereits benutzt wurde. Hip-Hop als globales Sampling, Cosplay als Selbstentwurf im Baustaub, Fabrikarbeit als Traumunterbrechung, Logistik als neues Wetter, Metaverse als Immobilienkomödie, Pandemiehäuslichkeit als Inselbau: Das alles ergibt kein Panorama des Fortschritts. Es ergibt eine Stadt, in der jeder Ausgang in eine andere Form von Arbeit führt.

Der Mensch kommt bei Cao Fei nicht als Opfer davon. Dafür ist er zu aktiv, zu erfinderisch, zu anpassungsfähig. Er macht mit. Er tanzt auf der Baustelle, baut Avatare, kauft Grundstücke in nicht vorhandenen Städten, lässt sich von Lieferketten ernähren und nennt die daraus entstehende Müdigkeit Identität. Das ist nicht tragisch. Tragik setzt Größe voraus. Hier reicht Kompatibilität.

Cao Fei liefert damit etwas Seltenes: digitale Kunst, die nicht an ihrer eigenen Aktualität erstickt. Sie ist nicht neu, weil sie von Technologie spricht. Sie bleibt wirksam, weil sie zeigt, wie schnell das Neue in Verwaltung, Abriss, Archiv und Gewohnheit übergeht. Die nahe Zukunft ist kein Horizont. Sie ist ein Stadtplan mit abgelaufenen Zugängen.


Ausstellung: Cao Fei: Testimonies to the Near Future
Ort/Museum: Kunstmuseum Basel | Gegenwart, Basel
Laufzeit: 30.05.–11.10.2026
Link: https://kunstmuseumbasel.ch/en/exhibitions/2026/cao-fei


Ausstellung: Cao Fei: Testimonies to the Near Future
Ort: Kunstmuseum Basel | Gegenwart, Basel
Laufzeit: 30.05.–11.10.2026
Link: https://kunstmuseumbasel.ch/en/exhibitions/2026/cao-fei

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