Auf Instagram schreit gerade wieder die Kreativklasse, weil die Maschine nicht vor ihrem MacBook niederkniet. Das ist der komische Teil: Nicht die KI ist neu. Neu ist nur, dass ausgerechnet jene Berufsgruppe, die dreißig Jahre lang jede andere Arbeit mit „Innovation“, „Disruption“ und „neuen Workflows“ dekoriert hat, plötzlich entdeckt, dass Automatisierung auch die eigene Rechnung schreiben kann.
Das Bild trifft deshalb einen Nerv. Es stellt den empörten Designer mit Umzugskarton neben Textilarbeiter, Kohlearbeiter und Industriearbeiterinnen. Die Aussage ist grob, fast unanständig direkt: Technik verändert Arbeit. Immer schon. Willkommen im Club. Der Satz ist nicht freundlich. Er ist wahr genug, um weh zu tun.
Aktuelle Instagram-Beispiele liefern das Material freiwillig. Bei @facepalm_beach heißt es: „Ich interagiere nicht mit AI-Content, egal von wem.“ Dazu die kleine Reinheitsformel: „There is no such thing as AI art.“ Das ist weniger Argument als Selbstversiegelung. Der Feed wird zur Quarantänestation, der Algorithmus zur moralischen Seuchenkontrolle. Man klickt nicht, man kontaminiert sich nicht, man bleibt sauber. Eine Ästhetik der Händedesinfektion.
Bei @hdlontour wird daraus Pop-Spott: „Nein Michi, niemand möchte sehen wie deine 80er Jahre KI Version aussieht.“ Das ist der niedrigere, ehrlichere Ton. Kein Manifest, nur Ekel vor der generierten Nostalgie, vor diesen billigen Zeitreise-Selfies, in denen Menschen aussehen wie schlechte Erinnerungen an sich selbst. Daran ist sogar etwas Sympathisches. Auch ich möchte viele dieser Bilder nicht sehen. Der Unterschied: Ich halte mein ästhetisches Unbehagen nicht für ein ontologisches Gesetz.
Die älteren Anti-KI-Posts zeigen, wie schnell sich aus Unbehagen Dogma machen ließ. @yukoart repostete schon 2022: „AI art is art theft.“ @gawki formulierte: „Say no to AI generated images.“ @the.art.fish präzisierte immerhin: „No to AI generated images WITHOUT CONSENT!“ Das letzte ist die stärkste Version, weil sie nicht so tut, als sei die Maschine metaphysisch böse. Sie fragt nach Daten, Zustimmung, Macht. Das ist ein politischer Vorwurf. Die anderen sind Exorzismen mit WLAN.
Das Problem der Designer und Illustratoren ist nicht, dass sie Angst haben. Angst ist bei Menschen eine Standard-App, meistens vorinstalliert und schlecht gewartet. Das Problem ist, dass sie ihre Angst als Kulturtheorie ausgeben. Plötzlich ist „Handarbeit“ wieder heilig, nachdem dieselbe Klasse jahrelang Templates, Stockmaterial, Plugins, Automatisierungen, Presets und Markenkits benutzt hat, als wären das natürliche Erweiterungen des Körpers. Ein Button war bequem, solange er nach unten delegierte. Jetzt delegiert er nach oben. Unerträglich.
Natürlich ist der Vergleich mit früheren Arbeiterkämpfen unfair. Genau deshalb funktioniert er. Textilarbeiterinnen verloren nicht nur Aufträge, sondern Lebensgrundlagen. Bergarbeiter wurden nicht in einem LinkedIn-Post über Resilienz aufgefangen. Ganze Milieus wurden von Maschinen, Kapital und Politik zerrieben. Der Designer dagegen steht im Bild mit Karton, Laptop und gekränkter Aura, als hätte die Geschichte persönlich seine Adobe-Lizenz gekündigt. Tragisch ist das nur, wenn man das eigene Portfolio für eine Zivilisation hält.
KI wird schlechte Gestaltung vermehren. Das ist sicher. Sie wird mittelmäßige Logos, generische Kampagnen, synthetische Illustrationen und diese klebrige Bildsprache produzieren, bei der jedes Licht aussieht, als hätte es ein Motivationscoach eingeschaltet. Doch wer davon ersetzt wird, sollte eine unangenehme Frage nicht an die Maschine richten, sondern an sich selbst: War die eigene Arbeit wirklich Kunst, oder war sie nur Briefing-Erfüllung mit schöneren Fonts?
Hier liegt der eigentliche Skandal. Nicht KI entwertet Kreativität. KI testet, wie viel Kreativität überhaupt vorhanden war. Vieles, was jetzt um Schutz bittet, war längst austauschbar: Moodboard-Gehorsam, Markenpflege, visuelle Sedierung, der tausendste Post mit strukturierter Empörung und Pastellhintergrund. Die Maschine hat diese Arbeit nicht ermordet. Sie hat ihr Sterbedatum vorgelesen.
Wer gegen unlizenzierte Trainingsdaten kämpft, hat einen Punkt. Wer gegen Konzernmacht kämpft, hat sogar einen besseren. Wer faire Vergütung, Kennzeichnung und Rechte fordert, spricht über die wirklichen Systeme. Wer nur ruft „KI ist keine Kunst“, verteidigt keinen Menschen. Er verteidigt eine Kränkung. Und Kränkungen sind schlechte Gewerkschaften.
Der Mensch bleibt, sagt das Bild. Vielleicht. Aber er bleibt nicht automatisch dort, wo er sich zuletzt eingerichtet hat. Er bleibt nicht, weil er „kreativ“ auf seine Website geschrieben hat. Er bleibt nur, wenn er mehr kann als das, was sich in Sekunden simulieren lässt. Das ist keine Drohung. Es ist die erste ehrliche Stellenbeschreibung seit Jahren.
Bild: KI-generierte Grafik, bereitgestellt von Clair Bötschi.
