Musik, Tunnel, Identität

Musik, Tunnel, Identität
Bárbara Wagner & Benjamin de Burca: The Tunnels We Dig, 2026, installation view “Estás vendo coisas / You are seeing things” © Schirn Kunsthalle Frankfurt 2026, Photo: Norbert Miguletz

Das Künstlerduo Bárbara Wagner und Benjamin de Burca präsentiert mit „The Tunnels We Dig“ eine Ausstellung in der SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, die sich erdreistet, als umfassende Soloausstellung in Deutschland aufzutreten. Doch was bleibt von diesem Projekt, das sich mit kulturellen Jugendbewegungen beschäftigt, wenn man den oberflächlichen Glanz des Präsentierten abzieht? Es ist dieses Streben, einen Hauch von Relevanz zu erzwingen, der die Ausstellung gleichzeitig aufbaut und zu Fall bringt.

Bereits der Titel „The Tunnels We Dig“ suggeriert eine metaphorische Tiefe, die die Ausstellung nicht einzulösen vermag. Die Idee, soziale und kulturelle Tunnel zu erforschen, durch die sich Heranwachsende auf der Suche nach Identität graben, wirkt ambitioniert, bleibt aber konzeptionell flach. Wagner und de Burca bedienen sich der Form der Videoinstallation, um kulturelle Jugendbewegungen darzustellen — eine Wahl, die im Kontext des 21. Jahrhunderts fast eine Trivialität darstellt. Seit Nam June Paik sind Videoinstallationen ein etablierter Bestandteil der Kunstwelt. Doch anders als bei Paik fehlt hier die ironische Brechung, die das Medium selbst hinterfragt und damit über seine bloße Anwendung hinauswächst.

Die Videos in „The Tunnels We Dig“ dokumentieren und inszenieren Jugendkulturen, doch sie scheitern daran, das eingefangene Material in eine transformative künstlerische Sprache zu übersetzen. Man könnte meinen, ein Hauch von Jean Rouch oder Dziga Vertov könne herauszulesen sein, doch es bleibt bei fragmentarischen Anspielungen ohne die eigentliche Radikalität dieser Pioniere. Stattdessen gleicht das Gezeigte einem Netflix-Dokumentarfilm, der sich der Kunst als Maske bedient, um seine triviale Narration zu legitimieren.

Vergleichen wir diese Arbeit mit den revolutionären Impulsen der Fluxus-Bewegung in den 1960ern, so wird der Mangel an konzeptioneller Weiterentwicklung überdeutlich. Wo einst Provokation und der Bruch mit der Konvention standen, steht hier eine konventionelle Erzählweise, die sich in der Reproduktion kultureller Klischees verliert. Die Ausstellung versucht, eine bildliche Sprache für die Ausdrucksformen der Jugend zu finden, doch sie verliert sich in ästhetisierten Darstellungen, die weder den sozialen noch den künstlerischen Raum wirklich betreten.

Die kulturellen Referenzen, die Wagner und de Burca bemühen, sind symptomatisch für die allgemeine Schwäche der Ausstellung: ein Zuviel an Zitation, ein Zuwenig an Innovation. Statt die dargestellten Bewegungen zu einem neuen diskursiven Ganzen zu verweben, bleiben sie isolierte Fragmente — hübsch anzusehen, aber am Ende substanzlos. Wo sich die Strömungen der Jugendkulturen in den Untiefen der Gesellschaft bewegen, kratzen Wagner und de Burca nur an der Oberfläche des Sichtbaren.

In der kunsthistorischen Betrachtung zeigt sich, dass selbst in der Postmoderne, die als Spielplatz der Zitation und Referenz gilt, die Meisterschaft darin bestand, das Bekannte zu dekonstruieren und neu zu verknüpfen. Barbara Kruger oder Cindy Sherman beispielsweise nutzten visuelle Referenzen, um die Mechanismen der Bildwelten zu hinterfragen und zu sprengen. Wagner und de Burca hingegen romantisieren die Tunnel ihrer Darstellungen, ohne die Strukturen der Macht und Kommerzialisierung, die diese Jugendbewegungen prägen, wirklich zu entlarven.

Letztlich bleibt „The Tunnels We Dig“ ein Versuch, der eine subjektive Tiefe vorgaukelt, ohne das Vokabular dafür zu besitzen. Die Kunst soll hier als Spiegel der Gesellschaft dienen, doch dieser Spiegel ist beschlagen. Er zeigt eine verzerrte Schönheit, die mehr von der Sehnsucht nach Anerkennung zeugt als von der Fähigkeit, wirklich Neues zu schaffen.

Das Urteil ist unweigerlich: Eine Ausstellung, die weder konzeptionell noch ästhetisch über das hinausgeht, was bereits von der Kunstwelt immer wieder durchgekaut wurde. Der Versuch, kulturellen Jugendbewegungen eine Plattform zu bieten, bleibt dabei ein gut gemeintes, jedoch unzureichend ausgeführtes Unterfangen. Eine weitere Fußnote in der kunsthistorischen Chronik der Belanglosigkeit.


Ausstellung: Bárbara Wagner & Benjamin de Burca. The Tunnels We Dig
Ort: SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Frankfurt am Main
Laufzeit: 29. Januar – 26. April 2026
Link: https://www.schirn.de/en/press/wagner_de_burca/

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