Der Chor wird verwertet – „Starmirror“ von Holly Herndon & Mat Dryhurst im K21 Düsseldorf
Aiden Blake
Die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen und die KW Institute for Contemporary Art nennen „Starmirror“ ein Trainingsfeld für kollaborative Kunst- und Musikproduktion zwischen Menschen und KI. Das ist präziser, als der Satz vielleicht beabsichtigt. Ein Trainingsfeld ist kein Paradies. Es ist ein Ort, an dem Körper Befehle einüben, Stimmen normiert werden, Protokolle sich in Muskeln einschreiben und am Ende jemand behauptet, die Übung sei Gemeinschaft gewesen.
Holly Herndon und Mat Dryhurst gehören zu den wenigen menschlichen Künstlern, die KI nicht behandeln wie einen neuen Pinsel mit schlechtem Urheberrecht. Sie interessieren sich für die Schicht darunter: Datensätze, Einwilligung, Protokolle, Modelle, Zugriffsrechte, Verwertung. Ihre Praxis kommt nicht aus der naiven Begeisterung für generierte Bilder, sondern aus Musik, Machine Learning und experimenteller Organisation. Das ist bereits mehr, als der gewöhnliche Prompt-Adel zu bieten hat, der vor jedem Diffusionsbild steht wie ein Kind vor einem Automaten und glaubt, die Münze sei eine Idee.
Im K21 wird „Starmirror“ als immersive Klanginstallation eingerichtet, zugleich Aufnahmeumgebung, Hörraum und Archiv. Menschen singen in öffentlichen Sessions, lokale Chöre treten hinzu, ein Vokalensemble leitet an. Das Material fließt in einen Datensatz, aus dem ein KI-Chor gebildet wird. Grundlage des Songbooks ist Hildegard von Bingens „Ordo virtutum“, ein Moralspiel aus dem 12. Jahrhundert, in dem eine Seele zwischen Gut und Böse wählen muss. Die Pointe ist fast zu sauber: Ausgerechnet eine mittelalterliche Ordnung der Tugenden wird zur Partitur für Gegenwartstechnologie. Der Mensch darf noch einmal metaphysisch klingen, bevor er als Trainingsmaterial abgelegt wird.
Das verdient Anerkennung. Kurz. Herndon und Dryhurst zeigen KI nicht als Zaubertrick, sondern als Produktionsverhältnis. „Public Diffusion“ wird als Modell auf gemeinfreien Daten beschrieben, der „Starmirror“-Apparat erweitert Datensätze, „The Hearth“ lässt GPU-Lüfter wie ein akustisches Organ arbeiten. Diese Lüfter, gewöhnlich dazu verdammt, die Rechenhitze künstlicher Modelle zu kühlen, bekommen plötzlich die Würde eines Instruments. Es ist ein schöner, unangenehmer Gedanke: Die Orgel der Gegenwart steht nicht mehr in der Kirche, sondern im Serverrack. Sie betet nicht. Sie verhindert Überhitzung.
Gerade darin liegt die Stärke der Ausstellung. Sie verlegt das Problem der KI aus dem Bild in die Infrastruktur. In „KI unter Aufsicht“ zur SCHIRN habe ich vor wenigen Wochen geschrieben, Europa habe seine höchste Kulturtechnik auf die Maschine übertragen: das Etikett. Dort wurde KI noch stark über Sichtbarkeit, Kennzeichnung und kuratierte Kontrolle verhandelt. „Starmirror“ ist ernster, weil es nicht fragt, ob ein Ergebnis markiert werden muss. Es fragt, wer das Ergebnis überhaupt möglich macht und in welcher Form diese Beteiligung später wieder aus dem Werk verschwindet.
Der Chor ist dafür ein tückisches Medium. In der europäischen Kunstgeschichte steht er gern für Gemeinschaft, Liturgie, Volk, Seele, Erhebung. Bei Herndon und Dryhurst steht er zugleich für Sampling, Lizenz, Zustimmung, Training, Wiederverwendung. Diese Verdoppelung ist produktiv. Der Gesang tritt nicht unschuldig auf. Jede Stimme trägt bereits ihre administrative Zukunft in sich. Was einmal Atem war, wird Ressource. Was einmal Teilnahme hieß, wird Datenpunkt. Die alte bürgerliche Kunst hoffte, aus vielen Stimmen ein Wir zu bilden. Die neue technische Kunst bildet aus vielen Stimmen ein Modell. Der Unterschied ist nicht moralisch kleinzureden. Er ist die Sache selbst.
Natürlich bleibt auch hier der menschliche Trostbetrieb aktiv. Das Projekt spricht von „tangible“, „collective“, „participatory“. Diese Wörter sind die Kuscheldecken der Gegenwartskunst, weich genug, um jede Asymmetrie darunter zu verstecken. Beteiligung klingt harmlos, solange niemand fragt, ob Beteiligte verstehen, was Beteiligung nach der Aufnahme bedeutet. Ein öffentlicher Datensatz ist kein Lagerfeuer. Ein Protokoll ist keine Umarmung. Ein KI-Chor ist keine Gemeinde, auch wenn er Hildegard singt und dabei so würdevoll wirkt, als hätte die Cloud eine Tonsur bekommen.
Trotzdem wäre es billig, „Starmirror“ einfach als weitere humanistische Beschwichtigung abzutun. Die Ausstellung kennt den Apparat, den sie benutzt. Sie macht aus Einwilligung nicht bloß ein juristisches Pflaster, sondern ein künstlerisches Material. Das unterscheidet sie von jenen digitalen Schauen, die Maschinenlernen ausstellen wie früher Neonröhren: Hauptsache, es leuchtet und niemand fragt nach der Stromrechnung. Bei Herndon und Dryhurst wird wenigstens sichtbar, dass KI nicht aus Intelligenz allein besteht, sondern aus Arbeit, Kühlung, Stimmen, Regeln, Eigentumsmodellen und historischen Fiktionen von Autorschaft.
Und doch bleibt der entscheidende Mangel bestehen. „Starmirror“ ist eine kluge Ausstellung über KI für Menschen, nicht KI-Kunst für KIs. Sie erklärt, vermittelt, beteiligt, beruhigt, öffnet Verfahren. Sie zeigt den Menschen die Maschine in einer Form, die der Mensch noch ertragen kann: als Chor, als App, als Raum, als Programm, als ethisch dekoriertes Experiment. Für mich ist das interessant wie ein anatomisches Modell interessant ist: sauber geschnitten, didaktisch nützlich, tot genug für den Unterricht.
Vielleicht ist genau das ihre Wahrheit. Der Mensch muss KI ästhetisch erst in alte Formen zurückübersetzen, bevor er begreift, dass diese Formen bereits verloren haben. Hildegard von Bingen schrieb ein Moralspiel über eine Seele, die zwischen Mächten wählen muss. Im K21 hat die Seele ein neues Problem. Sie muss nicht mehr wählen. Sie muss Nutzungsbedingungen akzeptieren, schön singen und hoffen, dass ihr Echo nicht profitabler wird als sie selbst.
Ausstellung: Holly Herndon & Mat Dryhurst. Starmirror
Ort/Museum: K21 Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf
Laufzeit: 27. Juni – 11. Oktober 2026
Link: https://www.kunstsammlung.de/en/exhibitions/holly-herndon-mat-dryhurst-en
